Ohne Ehrenamt geht hier gar nix. Erster Kursabend.

Egal wie sehr wir uns auf unser altes Schulhaus mit neuem Innenleben freuen: Hospiz ist mehr als ein Haus. Hospiz ist Haltung. Hospiz ist eine Idee, die„Wissende“ weiter verbreiten und in die Welt tragen.

Hospiz ist eine Bürgerbewegung, die sich aus dem Engagement besonderer Menschen speist, die in ihrem Hauptberuf vielleicht eine ganz andere Tätigkeit ausüben: den Ehrenamtlichen. Die ehrenamtlichen Hospizler*innen sind ein wesentlicher und unverzichtbarer Bestandteil von Hospiz, eigentlich immer und in jedem Zusammenhang. Natürlich übersteigt die Anzahl der in einem stationären Hospiz tätigen hauptamtlichen Mitarbeiter*innen die der Ehrenamtlichen möglicherweise – und sie werden dort auch alle dringend benötigt – aber Hospiz findet auch dann schon statt, wenn sich im ambulanten Hospizbereich, sagen wir, drei Koordinator*innen um die Einsätze von, sagen wir, 85 Ehrenamtlichen kümmern.

Die Ehrenamtlichen sind für das Hospiz unverzichtbar und so liegt es nahe, dass der erste Einführungskurs für die zukünftigen Ehrenamtlichen im Hospiz am Deich schon jetzt beginnt, einige Monate vor der Fertigstellung des Hauses und der Eröffnung des stationären Hospizes.

Die ersten Bewerbungen erreichten uns bereits im letzten Jahr nach unseren ersten Infoveranstaltungen. Der letzte Infoabend fand am 15. Februar statt, danach gab es noch eine kurze Bewerbungsfrist, einige Einzelgespräche und dann war sie auch schon zusammengestellt: eine Gruppe von 17 Hospizbegeisterten mit Entdeckergeist, die sich nun mit dem hauptamtlichen Pionierteam gemeinsam darum bemühen werden, das Hospiz in den Vier- und Marschlanden auf den Weg zu bringen.

Da wir uns noch nicht in „unserem Haus“ treffen können, freuen wir uns, für die Kursabende zunächst den Seminarraum im benachbarten Hanse-Hof nutzen zu können. Dieser ist angenehmerweise und im Gegensatz zur alten Schule nebenan mit Heizung, Strom, Wasser und Sitzgelegenheiten ausgestattet.

Alle weiteren benötigten Utensilien leihen wir zurzeit noch im Helenenstift aus. Ein Luftfiltergerät, 17 Klemmbretter und Malstifte, ein Stapel Papier, Namensschildrohlinge und verschiedene Dekokleinteile werden jetzt möglicherweise noch einige Male zwischen Altona in Bergedorf hin- und herfahren. Wobei: Die Namensschilder haben wir schon im Seminarraum zurückgelassen und vielleicht kaufen wir uns auch ein paar eigene Deko-Utensilien für den Deich (Merke: Die dekorierte Mitte mag vielleicht im wirklichen Leben nicht mehr in Mode sein, für uns aber ist sie unverzichtbar!).

Kaum hatten wir den Seminarraum für den ersten Gruppenabend hergerichtet, da kamen auch schon die Teilnehmer*innen. Alle geimpft/geboostert und mit tagesaktuellem Test, so lautet die Übereinkunft – nur so lässt sich unter den derzeit geltenden Vorschriften ermöglichen, dass am Platz und vor allem beim Sprechen die Maske abgenommen werden darf. Sobald wir uns im Raum bewegen, muss aber die Maske wieder drauf!

Das kam im Laufe des Abends häufiger vor, denn wir hatten uns zum gegenseitigen Kennenlernen ein paar „wilde Workshop-Spiele“ ausgesucht, die etwas Bewegung in den Abend bringen sollten, der ansonsten naturgemäß viel Theorie enthielt (Ablauf und Themen des Kurses, Gruppenregeln, Hygieneregeln, weitere organisatorische Fragen). Das funktionierte sehr gut. Nachdem wir versprochen hatten, dass das Ganze nicht in Rollenspielen gipfeln würde (warum sind die eigentlich allgemein so unbeliebt?), konnten sich alle ganz gut auf unsere Vorschläge einlassen.

Wir begannen auch noch recht harmlos mit einer soziometrischen Aufstellung. Die Teilnehmer*innen gruppierten sich an verschiedenen Orten im Raum, sortiert nach Wohnort, Altersgruppe, Buch- und Reisevorlieben. Im zweiten Teil des Abends gab es dann die Fassung für Fortgeschrittene: Soziometrische Aufstellung kombiniert mit der Reise nach Jerusalem: Alle, die eine Frage (Wer weiß, wann der letzte Bus fährt?) mit Ja beantworten, müssen aufstehen und sich einen neuen Platz suchen. Wer keinen Platz abbekommt, muss die nächste Frage stellen.

Als äußerst interessant stellte sich eine Wahrnehmungsübung heraus, die „Cold Readin“ genannt wird. Diese Technik, bei der es darum geht, die Gedanken und Lebensumstände einer bisher unbekannten Personen anhand von Äußerlichkeiten, der aktuellen Situation und bestimmter Wahrscheinlichkeiten zu erraten, wird – sofern das Internet die Wahrheit sagt – hauptsächlich von Zauberkünstlern und Pick-Up-Artists eingesetzt, die damit ihre übersinnlichen Fähigkeiten oder eine besondere Einfühlsamkeit demonstrieren wollen. Davon sind wir in unseren Zusammenhängen natürlich weit entfernt, uns geht es eher um die Wahrnehmung der eigenen Gefühle in einer Situation mit einer unbekannten Person und dem Nicht-Wissen um die Erwartungen der*des anderen. Das kommt in der hospizlichen Begleitung oft vor: Unsicherheiten und Unklarheiten im Umgang mit den Gästen gibt es bei den Ehrenamtlichen immer mal wieder – es ist jedes Mal aufs Neue (manchmal nicht nur in jeder Begleitung, sondern tatsächlich bei jedem Besuch) eine Herausforderung, möglichst wenig vorauszusetzen und offen zu sein für etwas, von dem unser Gast heute vielleicht noch gar nicht weiß, dass sie*er es sich in der nächsten Woche dringend wünschen wird. Das Wort „Absichtslosigkeit“ gewinnt hier sehr an Bedeutung – aber das behandeln wir erst beim nächsten Gruppenabend.

Auf jeden Fall aber machte das Cold Reading den Beteiligten Spaß. Es entstand der Wunsch, diese Übung auch bei den nächsten Abenden in einer Kurzfassung einzuplanen, damit sich alle Teilnehmer*innen zu Beginn des Kurses einmal auf diese Weise begegnen können.

Ein wichtiger Block am ersten Kursabend war die Vorstellung des Kurses an sich: Er besteht aus 14 Dienstagabenden und 3 Wochenenden. Wichtige Eckpunkte sind Kommunikation, Kraftquellen, Spiritualität, Reflexion der eigenen Rolle und Perspektivwechsel, Erkennen von Grenzen, Palliative Care, Trauer und Arbeit an der eigenen Biografie.  Und natürlich Absichtslosigkeit, aber dazu kommen wir ja später.

Das letzte Spiel des Abends sorgte für viel Verblüffung, mühsam unterdrückte Heiterkeit und bunte Bilder: Malen zu zweit – ohne Worte! Zwei Teilnehmer*innen, die sich noch nicht kennen, halten zusammen den Malstift und erstellen ein Bild. Dabei ist alles erlaubt, außer Sprechen. Es ist gar nicht einfach, nonverbal abzuklären, ob das Bild besser gelingt, wenn eine*r die Führung übernimmt oder wenn die „partners in art crime“ sich gemeinsam treiben lassen. Die entstandenen Bilder zeigen Segelboote auf Wellen, Menschen im Sonnenschein oder raumgreifende abstrakte Muster… vielleicht ist der Erkenntnisgewinn bei dieser Übung größer als der künstlerische Wert der Produkte – aber Spaß hat es gemacht!

Nächste Woche geht es weiter mit der „Einführung in die hospizliche Begleitung“: Wir werden über den Unterschied zwischen Helfen und Begleiten sprechen bzw. versuchen, diesen auch durch Übungen (keine Rollenspiele!) erfahrbar zu machen.