Sterben, Tod und Trauer in einem fremden Land

Flüchtende und Geflüchtete bringen die Themen Sterben, Tod und Trauer meist schon mit, wenn sie nach Deutschland kommen. Ihnen passende Angebote zur Unterstützung und Begleitung zu machen, transkulturell und kultursensibel, ist und bleibt unerlässlich.

Wir schrieben es neulich schon in anderem Zusammenhang. Gestorben wird immer. Unabhängig davon, ob die Elbe über die Ufer tritt, das Ozonloch immer größer wird oder ein Krieg im östlichen Europa ausbricht. In diesen Zeiten, in denen es allenthalben wenig Gewissheiten und sehr viel Unsicherheit gibt, steht noch immer fest: Wir werden alle sterben. Alle.

Nur wie, wann und wo, darüber wissen die meisten von uns nicht viel. Das ist von der Natur wohl aus guten Gründen so eingerichtet. Für viele von uns lebt es sich angenehmer, wenn wir den Zeitpunkt, den Ort und die Umstände unseres Sterbens nicht von Anbeginn an kennen: Die menschliche Seele ist schließlich so gestrickt, dass wir auch wichtige Fragen zeitweise in den Hintergrund schieben können. Das ist okay und bedeutet nicht automatisch, dass wir sie verdrängen.

So antwortete schon Snoopy auf den Hinweis von Charlie Brown, der etwas düster die These „Eines Tages werden wir alle sterben, Snoopy!“ mit einem beherzten: „Ja, aber an allen anderen Tagen nicht.“

Dass das eine kluge, aber natürlich auch sehr privilegierte Antwort von Snoopy ist, wird mir momentan wieder sehr deutlich: Wir, die wir hier in relativem Wohlstand leben und lebenslang eine relative Sicherheit als wesentlichen Bestandteil unserer Lebensumstände erlebt haben, können mit der Gewissheit, eines Tages sterben zu müssen, meist so halbwegs gelassen umgehen. Wir haben ganz gute Gründe, darauf zu vertrauen, dass wir mit etwas Glück unser Sterben selbstbestimmt gestalten können, dass es Menschen gibt, die uns in schweren Zeiten unterstützen, uns pflegen und versorgen, die uns stärken und begleiten. Und trösten, wenn der Tod nichts uns selbst, sondern unsere Liebsten trifft. Die uns mit unserer Trauer Raum und Zeit geben, die uns Mut machen, unser Leben weiterzuleben trotz der Verluste, die uns zeitweise aus der Bahn werfen.

Wie schnell diese Sicherheit dahin sein kann, sehen und lesen wir aktuell jeden Tag in den Nachrichten. Den Krieg in der Ukraine gibt es jetzt seit gut zwei Wochen. Noch immer besteht weltweit eine geringe Hoffnung, dass er nicht lange so weitergehen wird, dass die Gegner sich verständigen werden und ihre Auseinandersetzungen auf andere Weise fortsetzen als mit Waffengewalt und Bomben. Aber es gibt auch viele Kundige, die sagen, dass der Krieg dauern wird und dass der Kriegsschauplatz, die Ukraine, hinterher nicht mehr dasselbe Land sein wird. Dass die Flüchtenden und Geflüchteten nicht in absehbarer Zeit in ihre Heimat werden zurückkehren können. Dass es noch mehr Todesopfer geben wird als jetzt schon, noch mehr zerrissene Familien und zerbrochene Lebensgeschichten. Dass diese Menschen, die ihre Heimat jetzt verlassen, Migranten sind bzw. sein werden, Menschen, die in ein anderes Land einwandern, ob sie das nun wollen oder nicht.

Viele der Geflüchteten bringen Geschichten von Sterben, Tod und Trauer bereits mit und sie werden hier weitere entsprechende Erfahrungen machen. Meistens auf Distanz. Die flüchtenden Familien mussten ihre Männer „im wehrfähigen Alter“ in der Ukraine zurücklassen, sie kommen nicht zur Ruhe und machen sich aus gutem Grunde Sorgen um sie. Einige von ihnen werden telefonische Todesnachrichten erhalten, davon ist auszugehen. Sie werden nichts tun können, sich nicht verabschieden können und sitzen dann hier oder in einem anderen europäischen Land, das ihnen in Sprache und Kultur fremd ist, und fragen sich, wie sie das eigentlich überleben können.

Manche überleben das vielleicht selbst nicht, obwohl sie hier soweit sicher sind, sie sind oder werden krank. Sterbebegleitung funktioniert im Prinzip auch ohne gemeinsame Sprache, Hände und Füße können viele Worte „übersetzen“. Wertschätzung, Empathie und Mitgefühl lassen sich auch nonverbal ganz gut vermitteln. Das braucht vielleicht etwas mehr Zeit und Geduld, aber zumindest im hospizlichen und palliativen Kontext ist, was das angeht, vieles möglich. In einem normalen Krankenhaus sieht das schon anders aus, da ist oft alles schwierig, was Zeit kostet. Aber im Hospiz, da sind Menschen, die Zeit haben auch für die Menschen, denen hier alles fremd erscheint. „Transkulturell“ oder „kultursensibel“ sind die Zauberworte, die hier auch wirklich gelebt werden. Und Sprache ist in der Sterbebegleitung häufig sowieso nicht das wichtigste Werkzeug. Im Hamburger Hospiz im Helenenstift werden schon seit über zwanzig Jahren Menschen aller Ethnien, Religionen und Muttersprachen beim Sterben begleitet und das wird auch im Hospiz am Deich so sein.

In der Trauerbegleitung sieht es da schon anders aus: Hier wollen Menschen die Geschichten ihrer Verluste erzählen, sich entlasten und erleichtern. Das ist die Voraussetzung dafür, sich wirklich gesehen, verstanden und angenommen zu fühlen… mit dem ganz eigenen, individuellen Trauerprozess. Ohne gemeinsame Sprache ist das sehr schwierig. Auch innere Bilder wollen beschrieben werden, die Ergebnisse kreativer Annäherungen an die Trauer wollen nicht nur gezeigt, sondern auch besprochen werden. Ich würde mir wünschen, dass wir später, wenn die der Bereich Trauerarbeit im Hospiz am Deich seinen Betrieb aufnimmt, auch Menschen, die nicht unsere Sprache sprechen, entsprechende Angebote machen können.