Gefiederte Kolleginnen: Ramelsloher Hühner

Ramelsloher Huhn
Als wir das alte Haus und den dazugehörigen Garten kennenlernten, war schnell klar, dass wir hier mit so viel Nachhaltigkeit und Naturnähe wie in einem Hospizbetrieb nur möglich einziehen wollen. Ebenso, dass sich in diesem Umfeld die Arbeit mit Tieren anbietet, nicht nur mit Besuchshunden, die es auch in der Stadt erstaunlich oft gibt, sondern mit richtigen „Bauernhoftieren“. Die haben nämlich viel mehr drauf als nur unser Mittagessen zu werden. Und es gibt sie sogar passend zur Region.

Hühner, die der Seele guttun? Gibt es die wirklich?

Jawohl, die gibt es allerdings. Hühner, also die echten Hühner, die nicht auf ein Leben in einer Legefabrik oder auf schnelle Mästbarkeit hin gezüchtet worden sind, sondern auf ein langes und erfülltes Hühnerleben mit einem Hühnerstall und einem Freilaufgelände und ordentlich Kontakt zum wirklichen Leben. Diese Hühner sind oft sehr lebhaft, beweglich, neugierig und auch zutraulich. Sie sind am Menschen interessiert und an allem, was sie umgibt.

Es gibt einige Hühnerrassen, meist alte Rassen, die sich fast perfekt als Menschenfreunde eignen: In unserer Gegend, also dem Südosten Hamburgs, bietet sich das Ramelsloher Huhn an. Ramelsloh ist ein Dorf in der Nähe von Harburg, das nach diesem Ort benannte Huhn ist aber eine Kreuzung des historischen (und leider ausgestorbenen) Vierländer Huhns mit einigen Mittelmeerrassen. Auch das Ramelsloher Huhn ist vom Aussterben bedroht; nur noch wenige Züchter kümmern sich um den Fortbestand dieser tollen Tierart.

Ramelsloher Hühner, vor allem die weißen mit bläulichen Füßen und Kämmen, sind nicht nur schlau, unterhaltsam und von angenehmer Größe, sondern auch von Natur aus sehr menschenbezogen und streichelfreundlich. Das verdanken sie vor allem ihrer – eigentlich schrecklichen – Historie als Stubenküken. Ich musste das googlen: Stubenküken nennt man ganz junge Hühner, die bei der Schlachtung zwischen 21 und 28 Tage alt sind. Ihr Fleisch ist, wenig überraschend, sehr zart. Die Vierländer Stubenküken wurden früher in der kalten Jahreszeit im Wohnbereich der Menschen in den Vierlanden ausgebrütet und großgezogen, bis sie dann auf Hamburger Wochenmärkten, wahrscheinlich als Zugabe zum Vierländer Gemüse, verkauft werden konnten.

Heute sind die Ramelsloher Hühner viel zu selten, als dass man sie zu essen bekäme, zum Glück. Aber entwicklungsgeschichtlich sind sie darauf eingestellt, Menschen gegenüber von Geburt an handzahm zu sein, selbst dann, wenn sie von ihren Hühner-Müttern in einem Hühnerstall aufgezogen werden. Das prädestiniert sie natürlich geradezu als Streichelzoohühner, die es mit vielen verschiedenen Menschen zu tun bekommen und dabei möglichst ihr natürliches Verhalten beibehalten sollen. Wir möchten die Tiere ja nicht dressieren (außer natürlich, sie wollen es unbedingt).

In unserem riesigen und naturnahen Garten werden die Ramelsloher Hühner ein artgerechtes Leben führen können. Wir glauben, dass sie unsere Gäste und die Zugehörigen schon allein durch ihre Anwesenheit erfreuen werden. Sie bringen Leben und Abwechslung, einfach indem sie ihre Hühnerdinge tun. Für Landmenschen werden sie Erinnerungen heraufbeschwören, schließlich pickten hier früher in jedem Garten, egal wie klein, ein paar Mistkratzer zur Selbstversorgung. Und Stadtmenschen freuen sich vielleicht, wenn sie entdecken, wie anregend es sein kann, schlichte Hühner dabei zu beobachten, wie sie schlichte Hühnerdinge tun.

Und wenn die Hühner dann reinkommen in die gute Stube, dann nicht als Sonntagsbraten, sondern als ganz besondere gefiederte Besucher, die unseren Gästen neugierig und ganz unvoreingenommen begegnen. Vielleicht streicheln die Menschen dann vorsichtig das wirklich sehr weiche Gefieder und haben Lust, das Huhn mit Gemüsestückchen zu füttern. Ausgewählten Menschen steigt so ein Huhn auch mal auf den Schoß oder sogar auf die Schulter. Es genießt Nähe und Aufmerksamkeit, genau wie wir. Es kann eine beruhigende Wirkung haben, aber auch beleben. Es schafft Erinnerungen und heiteren Gesprächsstoff. Wer wirklich Achtsamkeit lernen möchte, ist bei den Hühnern richtig. Sie zeigen uns auf wunderbare Weise, wie wir zur Ruhe kommen können.

Ob die Hühner auch individuellen Zimmerservice anbieten, ist wahrscheinlich Verhandlungssache. Wir können uns das aber gut vorstellen, schließlich sollen unsere Gästezimmer sehr gemütlich werden. Dann sitzen sie vielleicht gemütlich auf der Bettkante der nicht mehr so mobilen Gäste, die gerne tierischen Besuch mögen, und glucksen so vor sich hin. Eventuell kennen sie sogar fantastische Rezepte mit Eiern – die verraten sie aber erst, wenn sie uns besser kennen.