„Ich träume manchmal davon, was das Haus mir wohl erzählen könnte…“

Michael Kolle, Bauunternehmer und Eigentümer des Hauses sowie des umliegenden Areals, erzählt, warum er sich für ein Hospiz in den Vier- und Marschlanden einsetzt.

Ein Hospiz in den Vier- und Marschlanden, wie kam diese Idee zu Ihnen?

Dazu muss ich ein bisschen ausholen: Bevor ich in die Projektentwicklung ging, hatte ich ein „christliches Leben“, war Diakon und mit christlicher Gemeindearbeit befasst. Meine familiären Wurzeln liegen in Kirchwerder und dort machte ich auch meine ersten beruflichen Erfahrungen. Ich war einige Jahre in der Alten- und Schwerbehindertenarbeit tätig, weniger palliativ als versorgerisch. Ich fühlte mich damals als Teil des Ganzen, das war eine sehr erfüllende Zeit.

Was ich „mitgeschnitten“ habe in dieser Zeit: Die Menschen hier sind in ihrem Landstrich, den Vier- und Marschlanden, sehr verwurzelt. Und natürlich hatten sie, wie die meisten Menschen, auch den Wunsch, bis zum Ende ihres Lebens hier, in ihren Häusern und in ihrer Gegend zu bleiben. Wenn das aber, weil Pflege und Versorgung zu Hause nicht gewährleistet waren – viele ehemalige Großfamilien der Vier- und Marschlande sind auch zerbrochen – nicht möglich war, dann gab es hier keine Einrichtung, sondern sie mussten nach Geesthacht ins Hospiz. Dort wird wunderbare Arbeit geleistet, aber es sind nun einmal nicht die Vier- und Marschlande. So gab es immer einen schalen Beigeschmack, wenn die Menschen nicht bis zum Ende ihres Lebens in ihren gewohnten vier Wänden und in ihrer Heimat bleiben konnten. Diese Erfahrungen habe ich dann viele Jahrzehnte lang nicht transportiert.

Was hat Ihre Erinnerung neu belebt?

Es hat mich kalt erwischt, dass meine Mutter 2018 sehr schwer und lebensbegrenzend erkrankte. Zu der Zeit wohnte sie schon nicht mehr in ihrem zu groß gewordenen Haus, da war ich eingezogen, und sie hatte eine kleine Einliegerwohnung bezogen. Als sie dann nach einiger Zeit aus der Klinik zurückkehren sollte, austherapiert, da hatte sie den dringenden Wunsch, wieder in ihrem gewohnten Haupthaus mit dem geliebten Garten zu wohnen und dort auch zu sterben.

So habe ich die untere Ebene des Hauses renoviert und umgebaut, eigentlich ihre gewohnte Umgebung aus der Erinnerung „nachgebaut“ und barrierefrei gemacht, so dass sie mit ihrem Rollstuhl und später auch mit dem Bett dort so mobil wie möglich sein konnte. So hatten wir nach ihrer Entlassung aus der Klinik sechs Monate Zeit für den letzten Weg. Ich konnte meine Mutter selbst in ihren eigenen Räumlichkeiten beim Sterben begleiten und habe das als große und letzte Ehre empfunden. Sie ist dann später in meinen Armen dort gestorben. Damals ist mir deutlich geworden, wie wichtig dieser Bezugspunkt der gewohnten Umgebung ist, wieviel Sicherheit er gibt.

Und dann ergab sich eine Möglichkeit, diese Erkenntnisse auch umzusetzen?

2019 habe ich das Areal am Allermöher Deich mit der alten Schule erworben. Ein Teil des Hauses wurde von zwei Künstlerinnen genutzt, aber ein großer Bereich des Hauses stand leer. Die Künstlerinnen konnte keine angemessene Miete bezahlen und ich konnte mir nicht – wie der Vorbesitzer des Hauses, ein großer Konzern – erlauben, sie dort kostenfrei ihre Ateliers führen zu lassen. So war bald klar, dass ich für das Haus eine neue Verwendung finden musste.

Weil ich den Charakter, die fühlbare Seele des Hauses so stark spürte, kam mir bald eine Idee und ich machte dem Bezirk Bergedorf den Vorschlag, in der alten Schule ein Hospiz zu etablieren. Der ehemalige Bezirksamtsleiter war der Meinung, das Haus sei dafür viel zu klein, also sah ich mich anderweitig nach einem möglichen Betreiber um. Den fand ich dann im Hamburger Hospiz e. V. Schnell wurde unsere Pläne konkret und ich war davon überzeugt, dass wir hier eine schöne Lösung gefunden hätten.

Wie nehmen Sie die Resonanz aus der Nachbarschaft wahr?

Die Vierländer nehmen das sehr positiv auf. Sie freuen sich, dass es endlich ein Hospiz in den Vier- und Marschlanden geben wird, noch dazu in einem so schönen Haus, zu dem viele von ihnen auch noch einen Bezug haben. Die zwei alten Schulen in Allermöhe, die sind den Menschen hier schon ein Begriff.

Was bedeutet das für Sie… Wie ist Ihre Vision?

Aus meiner Lebensgeschichte weiß ich, was die Menschen hier brauchen. Ich möchte nämlich beruflich nicht nur Projektentwickler und Bauträger sein, sondern klug soziale Projekte pushen. Solche Projekte sind wichtig.

Auf dem Nachbargrundstück des Hospizes möchte ich ein altes Hufnerhaus wieder aufbauen, in das dann ein Demenzzentrum einzieht. Wenn wir die beiden Grundstücke dann vereinen, entsteht ein wunderbarer parkähnlicher Garten, in dem wir soziale Arbeit leisten können. Das inspiriert und motiviert mich.

Was ist das Besondere daran, so ein altes Haus zu renovieren und umzubauen?

Das Haus hat Seele und Ausdruckskraft. Man findet hier überall echte Handwerkskunst von bleibendem Wert. Diese aufzunehmen und vorzeigen zu können, das macht mich stolz.

Natürlich ist es auch ein bisschen die Quadratur des Kreises: Die Anforderungen von Brandschutz und Denkmalsschutz lassen sich eigentlich nicht miteinander unter einen Hut bringen, das sind widerstreitende Disziplinen. Aber manche Dinge gelingen doch, zum Beispiel eine große Stahlkonstruktion, um das alte Fachwerkdach abzusichern. Den Stahl sieht man später nicht, sondern die wunderschönen Binder, die diagonal im Raum stehen. Die sind aus Holz, aus Fichte oder Eiche, das ist ein schöner Werkstoff, haptisch toll, man riecht ihn, sieht ihn, kann ihn anfassen.

Alte Häuser haben eine besondere Geschichte und sie haben Seele. Ich träume manchmal davon, was das Haus mir wohl erzählen könnte über die Menschen, die dort früher gelebt haben.

Zum Schluss ein Ausblick: Wo sehen Sie das Haus, sich und uns in einem Jahr?

Ich gehe davon aus, dass wir noch in diesem Jahr eröffnen können. In einem Jahr, im Januar 2023, haben wir dann den ersten gemeinsamen Winter hinter uns gebracht. Ich sehe eine schöne nachbarschaftliche Entwicklung. Der nebenan gelegene Hanse-Hof bietet auch Möglichkeiten zur Versorgung des Hospizes. Die Hospizleute sind mir total sympathisch und ich sehe viele schöne Entwicklungen vor uns. Der Weg dorthin ist echt noch hart, aber das ist im Baugeschäft immer so. Dafür ist das Haus dann fit für die nächsten 250 Jahre, tolle Handwerksarbeit, die den Charakter des Hauses erhält und unterstreicht. Das wird sehenswert und ich denke, da liegt der Segen drauf.

Vertragsunterzeichnung mittel
Elke Huster-Nowack (Vorstandsvorsitzende Hamburger Hospiz e. V.) und Michael Kolle bei der Unterzeichnung des Mietvertrages.