Uns Zeit nehmen. Auch in schweren Zeiten.

Wie gerne hätte ich in den letzten Tagen mal jemanden am Allermöher Deich losgeschickt, um ein Foto zu machen, auf dem wir sehen können, wie nah das Wasser unserem neuen Hospiz gekommen ist. Hätte um einen kurzen Lagebericht gebeten und vielleicht um eine leicht dramatische Anekdote (mit gutem Ausgang, versteht sich). Dann hätte ich etwas ängstlich nachgefragt, ob das Grundstück, das ja zum Glück durch einen Deich von der Dove Elbe getrennt ist, eigentlich trotzdem in Gefahr ist, überschwemmt zu werden. Und mich beruhigen lassen: Nein, dafür ist der Deich doch da. Feucht und ungemütlich wird es schon, aber richtig gefährlich ist die Sache für die Hausnummer 445 nicht.

Wie gerne. Aber: Ich wollte niemanden stören beziehungsweise belästigen. Schließlich haben die Menschen meist Wichtigeres zu tun, gerade wenn das Wetter so ungemütlich ist, das Wasser eventuell noch immer steigt (oder zumindest nicht schnell genug abfließt oder versickert) und jede rare Sonnenminute für ganz andere, viel dringendere Angelegenheiten genutzt werden muss.

Andererseits: Eigentlich haben wir ja immer irgendwie Besseres zu tun. Wichtiges, das eigentlich schon gestern hätte erledigt werden sollen. Dringendes, auf das irgendwo jemand wartet.

Oder wir tun gerade gar nichts, können nichts tun, weil wir die Nachrichten aus der Ukraine lesen oder ansehen und uns wie gelähmt fühlen. Und irgendwie verblasst in diesem Zusammenhang ja auch vieles, das uns eben noch relevant erschien.

Jedoch: Gestorben wird immer. Getrauert auch. Ob es uns passt oder nicht. Unabhängig von Kriegshandlungen mitten in Europa und Sturmfluten in Norddeutschland. Mit dem Sterben sind wir alle früher oder später an der Reihe. Mit dem Trauern, sofern man es uns nicht aberzogen, verboten oder verleidet hat, auch. Verluste gehören zum Leben. Sie wollen verarbeitet werden, auch wenn dafür eigentlich keine Zeit und keine Energie vorhanden sind.

Beim Sterben sollte niemand alleine gelassen werden, außer er*sie möchte das. Der Wunsch, „das“ alleine zu erledigen, egal ob deutlich ausgesprochen oder angedeutet, wird natürlich auch im hospizlichen Umfeld respektiert. In der Nähe bleiben die haupt- und ehrenamtlichen Hospizbegleiter*innen aber trotzdem, falls sich der Wunsch wieder ändern sollte – wir sterben schließlich alle zum ersten Mal und im Voraus in allen Einzelheiten planen lässt sich das nun einmal nicht wirklich. Hospizler*innen bieten Begleitung an. Das muss nicht heißen, vierundzwanzig Stunden am Tag durchgehend am Bett zu sitzen. Es bedeutet eher, dass sich die sterbende Person sicher und behütet fühlen darf – geschützt vor dem, was im Außen passiert. Wie viel Nähe sie möchte und zulassen kann, das bestimmt sie selbst, bis zum Schluss.

Menschen beim Sterben und in ihrer Trauer begleiten, das sind die zwei wesentlichen Standbeine in unserer hospizlichen Arbeit. Sie finden statt, egal ob es draußen stürmt und flutet. Egal, ob der Klimawandel jedes Jahr spürbarer wird und uns das Wasser bis zum Hals steht. Ob eine Pandemie herrscht oder ein Krieg ausbricht. Veranstaltungen müssen vielleicht angepasst, mit verringerter Teilnehmerzahl durchgeführt oder gänzlich ins Internet verlegt werden, aber die eigentliche Hospizarbeit, die Begleitung schwerkranker/sterbender Menschen und ihrer Zugehörigen sowie Trauerarbeit, findet statt. Wir lassen die Menschen nicht alleine, auch und gerade, wenn wir eigentlich alle gerade Wichtigeres zu tun hätten.

Fotos von der Situation rund um den Allermöher Deich habe ich von Herrn Michael Ostendorf, dem Pastor der Allermöher Dreieinigkeitskirche, erhalten. Herzlichen Dank dafür!